Heavy Rotation

Mischpult — Sven Erlenborn on May 11, 2008 at 20:01

In keiner Weise repräsentativ, aber mit Sicherheit geschmackvoller als die Saturn-Verkaufstatistiken oder “Total Request Live” im untoten Musikfernsehen, werfe ich euch meine derzeitigen Playlist-Lieblinge an den Kopf.

  1. Amy MacDonald (This Is the Life) - Let’s Start a Band
  2. The Kills (Midnight Boom) - M.E.X.I.C.O.C.U.
  3. Kettcar (Sylt) - Graceland
  4. The Last Shadow Puppets (The Age of the Understatement) - The Age of the Understatement
  5. Donots (Coma Chameleon) - Stop the Clocks
  6. Amy MacDonald (This Is the Life) - Youth of Today
  7. Kate Nash (Made of Bricks) - Mariella
  8. The Kills (Midnight Boom) - Cheap And Cheerful
  9. ADELE (19) - My Same
  10. Amy Winehouse (Back to Black) - Rehab

Programmhinweis

Flimmerkiste — Sven Erlenborn on May 11, 2008 at 19:44

Wenn man lang genug sucht, findet man im beschissenen Fernsehprogramm doch noch einige Perlen. Nur für den Fall, dass jemand nächste Woche nichts Besseres zu tun hat.

Montag

  • [08:55-12:35 Uhr] [Kabel 1] “Lawrence of Arabia”
  • [20:15-22:25 Uhr] [Sat.1] “Jumanji”
  • [20:15-22:40 Uhr] [ProSieben] “Indiana Jones and the Temple of Doom”
  • [22:00-00:35 Uhr] [ZDF] “Eyes Wide Shut”.
  • [22:45-23:15 Uhr] [MDR] “Ganz in schwarz. Szene-Dokumentation”
  • [23:30-00:30 Uhr] [NDR] “Frank Sinatra 1915-1998. Porträt”
  • [00:40-02:35 Uhr] [ZDF] “The Postman Always Rings Twice”

Dienstag

  • [22:10-23:50 Uhr] [WDR] “The Graduate”

Donnerstag

  • [22:35-00:10 Uhr] [3Sat] “Trouble In Mind”

Freitag

  • [20:15-23:00 Uhr] [Das Vierte] “The Remains of the Day”

Samstag

  • [20:15-23:20 Uhr] [Kabel 1] “The Longest Day”

Sonntag

  • [20:15-22:50 Uhr] [ProSieben] “Indiana Jones and the Last Crusade”
  • [20:40-22:55 Uhr] [Arte] “For Whom the Bell Tolls”
  • [23:30-01:00 Uhr] [ARD] “Crossing the Bridge”

Randnotiz — Sven Erlenborn on May 8, 2008 at 22:37

Mit fortschreitender Lebensdauer sollte jeder Mensch zunehmend mehr geistige Reife erlangen. Ich meine nicht faktisches Wissen oder körperliche Merkmale, sondern ein höheres Verständnis oder Lebenserfahrung. Ich habe darüber nachgedacht, wann sich mein Blick auf die Welt das letzte Mal grundlegend verändert hat. Ich habe überlegt, wie lange ich schon misanthropisch grummelnd an der Menscheit verzweifle, keinen tieferen Sinn in meiner Existenz sehe, als eine alberne, selbstzerstörerische Tragikomödie aufzuführen und verbittert über die Ironie meiner Gesellschaftsparodie zu schmunzeln, die keiner außer mir zu sehen scheint. Ich kann mich nicht erinnern.

Und das, so dämmert es mir, könnte ein Problem darstellen.

Programmhinweis

Flimmerkiste — Sven Erlenborn on May 5, 2008 at 00:36

Wenn man lang genug sucht, findet man im beschissenen Fernsehprogramm doch noch einige Perlen. Nur für den Fall, dass jemand nächste Woche nichts Besseres zu tun hat. (more…)

Worte Anderer — Sven Erlenborn on May 4, 2008 at 16:44

»Es ist einfach nur Musik. Sie ist weder an Ort noch Zeit gebunden, sie behauptet nichts als schiere Schönheit, ihre Pracht verschwindet, wenn sie jemand für den iPod komprimiert.«
Michael Pilz in der gestrigen DIE WELT über das neue Album von THE NOTWIST.

Zum Ende eines guten Artikels stößt Michael Pilz völlig grundlos nochmal ins gleiche Horn wie viele andere Feuilletonisten auch. Man muss den Kultur-Redakteuren zu Gute halten, dass Computerspiele langsam als Kulturgut angenommen werden und auch die Berichterstattung über Blogs langsam positiver ausfällt.

Das bedeutet natürlich nicht, dass in der kritischen Haltung gegenüber anderen technischen Veränderungen so sturr verharrt wird, als müsse man eine konservativ-elitären Zielgruppe in ihrer Auffassung bestätigen. Zusammenhanglos werden MP3 und AAC als Untergang des musikalischen Abendlandes kritisiert, dass es einen wundert, warum Heimkino noch nicht als schleichendes Gift der Lichtspielhäuser bloßgestellt wurde. Dort hat man vermutlich die besser Lobby.

Sicherlich kommen Kurt Cobains Schreie auf dem iPod genauso wenig zur Geltung wie auch viele Feinheiten klassischer Musik. Auf der anderen Seite ist doch mit der Aufnahme von Musik schon immer ein kleiner Qualitätsverfall einhergegangen und gerade die älteren Generationen mit ihren Radio-Tapes und hundertfach überspielten Musikkassetten sollten das wissen.

Der zitierte Fall ist aus dem Grund besonders absurd, weil THE NOTWIST seit dem Hinzustoßen von Martin “Console” Gretschmann und dem 1998 erschienenem Album “Shrink” viele elektronische Aspekte in ihre Musik einbauen. Es ist einfach lächerlich zu behaupten, dass die Faszination dieser Musik durch Komprimierverfahren verschwindet.

»Die Kinder werden die MP3-Sammlungen ihrer Eltern erben. Sie werden diese beschädigten Dateien glorifizieren wie die Menschen heute knisternde Schallplatten.«
Ben Goldwasser von der Band MGMT.

Teaser

Mischpult — Sven Erlenborn on April 29, 2008 at 17:15

Hurricane 2008 Eintrittskarte

Teaser

Drachenjagd — Sven Erlenborn on April 27, 2008 at 13:03

Mario Kart

THE AGE OF THE UNDERSTATEMENT von The Last Shadow Puppets

Mischpult — Sven Erlenborn on April 25, 2008 at 16:50

“Jeden Freitag erscheinen unzählige neue Alben. Die besten stellen wir Ihnen hier vor.” So, oder so ähnlich, eröffnet DIE WELT an ausgewählten Freitagen ihre Übersicht der Neuerscheinungen auf dem Musikmarkt. In Anbetracht meines irreparabel fantastischen Musikgeschmacks (und der Tatsache, dass ich gerne was schreiben möchte, aber keine Themen habe) will ich euch meine Rezensionen nicht vorenthalten und daher an ausgewählten Freitagen hier veröffentlichen. Die Alben sind nicht immer gerade erst erschienen, sollten aber im Regelfall noch eine gewisse Aktualität haben.

Ein erster Versuch:

Alex Turner, Nordengländer sowie Sänger und Gitarrist der Arctic Monkeys, und Miles Kane, Südfranzose sowie Sänger der The Rascals - nicht zu verwechseln mit The (Young) Rascals oder den Rascalz-Brüdern, haben ohne Band, aber mit Orchester ein Album erschaffen, welches bei last.fm schon mehr als 12 000 Listener vorweisen kann, bei laut.de allerdings zu keinem Suchergebnis führt. Dieser viel zu lange Einleitungssatz diente den Fakten, kommen wir zu meinen subjektiven Einschätz- und Meinungen.

Die Arctic Monkeys werden ja im “Das Internet und die Musik”-Kontext immer gerne als Pioniere bezeichnet. Es sei denn dieser Titel wird gerade Radiohead oder Gnarls Barkley verliehen. Meine persönlichen Pioniere auf dem Gebiet sind ja Wir Sind Helden, denn über deren Titel “Reklamation” bin ich damals im Internet gestolpert, lange bevor er auf MTV lief. Das ist insofern erwähnenswert, weil ich das erste Stück der The Last Shadow Puppets auch auf einer Internetpräsenz entdeckte. Erst später bemerkte ich, dass ein Bandmitgleid der Arctic Monkeys daran beteiligt ist.

THE AGE OF THE UNDERSTATEMENT klingt nach ruhigem, modern-britischem Rock und der Hintergrundmusik der Sechzigerjahre-Agentenfilme, allen vorran James Bond. Und das funktioniert sehr gut. Die Bands wurden durch Orchester und viele Instrumente ersetzt, die den sonst so schnellen Rock der Ursprungskonstellationen abbremsen und in epischere Dimensionen treiben. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass man zu der Musik nicht mehr abgehen könnte. Ich bin mir sicher, dass zB “I Don’t Like You Anymore” in einschlägigen Kellern den gleichen Erfolg haben kann wie “I Bet You Look Good On The Dancefloor”.

Mein Favorit hingegen ist das leider recht kurze “In My Room”.

(Vielleicht fasse ich “Rock” sehr breit, aber “Indie” klingt in meinem Kopf immer so beleidigend.)

(Okay, das war jetzt irgendwie schon alles. Klingt ein bisschen nach lustlosem Vortrag. Vielleicht sollte ich zur Abrundung und Rechtfertigung des fehlenden Fazits so eine X/X-Bewertung einbauen. Ach, Blödsinn.)

Randnotiz — Sven Erlenborn on April 13, 2008 at 19:25

Dieses Gefühl, nicht genau zu wissen, was man mit seinem Leben eigentlich anfangen soll.

Worte Anderer — Sven Erlenborn on April 10, 2008 at 12:04

»Wir haben einen Trend zu einem modischen Zynismus und ich mag ihn nicht und ich glaube, er ist schon ein kleines bisschen wieder out.«
Wolfgang Bergmann, Erziehungswissenschaftler, zu Henryk M. Broder in “Hart aber fair” vom 09. April 2008

Das Problem an dieser Aussage ist die Bedeutung des Wortes “Zynismus” im allgemeinen Sprachgebrauch. Henryk M. Broder beteuert immer wieder, dass er gar nicht “zynisch” sei, alles ganz und gar ernst meine. Er versteht den Vorwurf, den ihm Herr Bergmann macht, gar nicht, weil er “zynisch” synonym mit “ironisch” und “sarkastisch” verwendet. Bergmann hingegen meint mit “Zynismus”, dass man die Wert- und Moralvorstellungen anderer nicht nur herabsetzt, sondern sich zusätzlich darüber lustig macht und sie verspottet, ohne darauf zu achten, dass man den Gegenüber damit vielleicht verletzt. Dass Broder, und in meinen Augen sogar Frank Plasberg, dies nicht verstanden haben, wird besonders deutlich, als Broder Bergmann darauf hinweist, dass er jetzt ja selber Ironie verwende.

Eine andere Art von Zynismus findet sich oft im Kabarett. Wenn zum Beispiel Hagen Rether uns begründet ins Gesicht sagt, wie kaputt wir sind, greift er damit zwar auch unsere Wertvorstellungen an, aber nicht auf beleidigende, sondern auf aufklärende Art und Weise. In diesem Fall kann man den Zynismus als Folge einer Ohnmacht gegenüber der Welt betrachten. Es ist der gleiche Zynismus, der einen überkommt, wenn man gegenüber der Sinnlosigkeit des Lebens resigniert.

»Ich werd nämlich sonst irgendwann mit ‘nem Tetra-Pack Sangria und ‘ner Packung Billig-Goldfied-Norma-Zigaretten auf Plastikgartenstühlen in ‘nem verteppichten Wohnzimmer irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern sitzen und darauf warten, dass mein kraftfahrender Mann nach Hause kommt um die sechs Plagen ins Bett zu bringen und mir Geld für’s Solarium zu geben.«
Fantastischer Zynismus von Sara auf SeptemberRave.Com

Zynismus ist leider eine viel zu ernste Angelegenheit, als dass man ihn ironisch verwenden sollte.

Randnotiz — Sven Erlenborn on April 2, 2008 at 21:09

Paradise

Lebenskunst — Sven Erlenborn on March 26, 2008 at 22:08

Bereits nach den ersten Tagen stand eines fest: Sollte er diesen glücklicherweise kurzen Lebensabschnitt endlich hinter sich gebracht haben, würde er ihm keine Träne nachweinen. Nicht eine.

Nur noch den Laufzettel hatte er in der Hand als er die Stube 318 verließ und Schröder hinter ihm zuschloss. Die drei Edekatüten mit den Kampfstiefeln, Sportschuhen, Badelatschen und Schuhbürsten lag, genau wie der Rucksack mit Laptop, schon im schwarzen Vectra. Er hatte schon vor Tagen seinen Spind an einen Kameraden abgegeben, der seinen Platz in Stube 318 einnehmen sollte. Als wenn irgendwer den Platz von Schröder und ihm einnehmen könnte. Seine, zum Teil selbst mitgebrachten, Lagendarstellerklamotten hatte er an einen Kleiderbügel gehängt und der Stube vermacht. Darunter auch den oliven Pulli, den er an seinem 17. Geburstag trug, als er betrunken schlafend rückwärts mit dem Stuhl in den Graben und in die Brennnessel fiel. Sie mussten jetzt ins Geschäftszimmer, die Schlüssel abgeben. Die Schlüssel für Stube 318.

Nach dem Antreten inklusive Dankesreden wurde allen zum Abschied ein letztes Mal persönlich die Hand gegeben. Der Hauptfeldwebel konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen als er ihn erreichte. Beim Einräumen des Büros vor drei Monaten war aufgefallen, dass sie beide ihre Freizeit in den Welten von Azeroth verbrachten. Schröder natürlich auch. Als siamesische Zwillinge wurden Schröder und er vom Hauptfeldwebel bezeichnet. Das große Verabschieden von den restlichen Kameraden ging los. Alle gaben sich die besten Wünsche mit auf den Weg, auf ein Wiedersehen. Ein Wiedersehen war so unwahrscheinlich. Man würde sich gleich abrupt trennen und in das gleiche, ein bisschen andere Leben fallen, das man vor neun Monaten kurz verlassen hatte.

Schröder drehte den Zündschlüssel des schwarzen Vectra, legte ein Blumentopf-Album ein, fuhr los und sie verließen die Kaserne. Zum letzten Mal.

Keine Träne. Nicht eine.

Stube 318

META / Der Prozess des Schreibens

Wortgefecht — Sven Erlenborn on March 22, 2008 at 20:18

Blogs wird oft vorgeworfen, hauptsächlich sich selbst zu thematisieren, also entweder das eigene Blog speziell oder das Phänomen Bloggen allgemein. Diese Unterstellung findet man überwiegend in den Aufbereitungen der sogenannten etablierten Medien “Zeitung” und “Fernsehen” und sie stört mich persönlich, weshalb ich hier festelle: Ich blogge gar nicht. Ich schreibe.

Diese Tatsache im Hinterkopf darf ich mich auch wieder selbst thematisieren.

Eigentlich hätte seit spätestens Donnerstag hier ein Bericht über das Gildentreffen meiner WORLD OF WARCRAFT-Gilde ENGELSKRIEGER stehen können und sollen. Von Beginn an war klar, dass “wir haben uns alle nett begrüßt, gegessen und Bier getrunken” der Sache nicht gerecht würde. In meinen Gedanken schwirrten eher lange Ausführungen über die Doppelrollen amerikanischer TV-Stars in den etablierten Serien, obwohl es sich nicht um Spin-Offs handelt (Friends, King of Queens, Scrubs, Desperate Housewives, Sex and the City), über Douglas Adams, den Ehrgeiz Solitär- und Minesweeperrekorde zu brechen und warum ASSASIN’S CREED viel attraktiver ist als TOMB RAIDER (Jade Raymond!). Allerdings wollte ich auch nicht ausschweifen, weshalb ich mich mit mir auf den prägnanten Satz “Irgendwann zwischen der Wortprägung durch Dr. Theodor Seuss und Sandmanns Tofu-Gemüse-Pfanne muss sich Nerd vom abwertenden zum auszeichnenden Etikett gewandelt haben” einigte. Der Post erschien nicht, weil mir die Idee zu diesem kam.

Heute wollte ich außerdem ein Bild hochladen auf welchem die Ostergeschenke zu sehen sind, welche ich meiner Familie schenken wollte. Im letzten Moment ist mir aber eingefallen, dass ich christliche Feste verabscheue und Weihnachten nur tolerant mitfeiere um mich nicht in ein gesellschaftliches Abseits zu stellen. Die ausgiebige Vorbereitung mit Bild undoder Video fand allerdings nicht zum ersten Mal statt, denn es existiert auch ein Video meines verwüsteten Zimmers, welches ich in Verbindung mit einem Post zum Thema Aufräumen zeigen wollte. Allerdings habe ich nicht aufgeräumt.

Ursprünglich wollte ich nur mitteilen: Ich bin erkältet.

MIDNIGHT BOOM von The Kills

Mischpult — Sven Erlenborn on March 10, 2008 at 19:48

The Kills - Midnight Boom

»i want u to be crazy
coz u r boring baby when u r straight
i want u to be crazy
coz u r stupid baby when u r sane«

Es ist wie Sex mit zwei Höhepunkten und am Ende liegt man nebeneinander und raucht eine Zigarette. The Kills, das sind Alison Mosshart als VV und Jamie Hince (in einem Nebenprojekt der neue Freund von Kate Moss) als Hotel, Gesang, eine Rhytmusmaschine und manchmal, selten ein kleines bisschen Gitarre und sie sind verdammt, verdammt, verdammt fantastisch. Als ich U.R.A. FEVER das erste Mal hörte, entwickelte ich eine hysterische Sehnsucht nach dem Album, denn MIDNIGHT BOOM ist in dieser Musikrichtung (und ich fasse Musikrichtungen ziemlich breit, denn ich bin nicht so toll im Einordnen) das absolut Beste, was ich bisher gehört habe. Es ist nackte Musik. Wir haben März und Muse müsste ihr bisher bestes Album bringen um mich daran zu hindern, MIDNIGHT BOOM nicht als bestes Album des Jahres zu nominieren.

»no fun i have
we got no money
need a friend
a volcano dish
on a mountaintop to live it«

FEUCHTGEBIETE von Charlotte Roche

Lesezeichen — Sven Erlenborn on March 8, 2008 at 15:06

Seite 102: »Ich habe ihn verstört.«

Zunächst mal möchte ich anmerken, dass ich kläglich versagt habe, was die Erektion betrifft. Ich würde das hier natürlich niemals zugeben, wenn Charlotte Roche nicht schon zugegeben hätte, dass es ihr gegenüber bereits Männer zugegeben haben. Wobei ich der Frau auch zutrauen würde, das einfach nur zu behaupten, weil sie weiß, dass Männer dabei eine Erektion bekommen. Das Buch ist nicht erotisch, es sei denn man bringt einen kleinen Fetisch mit. Komischerweise schafft mein Gehirn es, Schilderungen, welche die Worte Fotze, Klitoris, Schamlippen, Arsch und Nippel enthalten, vollständig aus ihrem Kontext zu lösen, völlig unangebrachte Signale auszusenden und mir einen Ständer aufzudrängen. Dass diese Erkenntnis mich tatsächlich verstört hat, wäre übertrieben ausgedrückt, aber eine gewisse Irritation kann ich nicht abstreiten.

Seite 18: »Mir ist irgendwann klar geworden, dass Mädchen und Jungs unterschiedlich beigebracht kriegen, ihren Intimbereich sauber zu halten. Meine Mutter hat auf meine Muschihygiene immer großen Wert gelegt, auf die Penishygiene meines Bruders aber gar nicht. Der darf sogar pinkeln ohne abwischen und den Rest in die Unterhose laufen lassen.«

Da hilft kein Schütteln und kein Klopfen, in die Hose geht der letzte Tropfen. Klopapier an Urinalen würde auch nur zur Verstopfung der Porzellaneinrichtungen führen. Aber selbstverständlich wird der Penis gewaschen, nur dass einem das im Normalfall vom Vater beigebracht wird. Unter der Vorhaut würden sich sonst auch Schmutzreste bilden (Eichelkäse, den Begriff kennt man ja) und den Gesichtsausdruck des Sexualpartners möchte ich sehen. Wie im Buch so schön festgestellt wird, waschen Nutten die Schwänze ihrer Freier auch vorher. Es ist auch ein Irrglaube, dass sich nur Frauen rasieren. Ich war ja dank der Gemeinschaftduschen bei der Bundeswehr mehr oder weniger gezwungen mir nackte Männer anzusehen und die überwiegende Mehrheit ist untenrum und auch unter den Achseln rasiert. Ebenso falsch ist es, dass die Gesellschaft nicht erwartet, dass Männer ihren Körper so stark pflegen oder dass Männer ohnehin immer mit ihrem äußeren Erscheinungsbild zufrieden sind. Im Drogeriemarkt gibt es mittlerweile immerhin Regale ausschließlich mit Produkten für Männer: After Shave, sensible Creme gegen Unreinheiten im Gesicht, Gesichtsseife, Gesichtspeeling, Gesichtscreme (nicht gegen Unreinheiten), Duschgel, Sportduschgel, Deo, Sportdeo, Shampoo, Parfum, Körpermilch (Body Milk!) und weit mehr. Die verschwitzten Männer im Fitnessstudio oder auf Waldlaufstrecken befinden sich dort nicht nur aus sportlichem Ehrgeiz.

Seite 20: »Mir macht es Riesenspaß, mich nicht nur immer und überall bräsig voll auf die dreckige Klobrille zu setzen. Ich wische sie auch vor dem Hinsetzen mit meiner Muschi in einer kunstvoll geschwungenen Hüftbewegung einmal komplett im Kreis sauber. Wenn ich mit der Muschi auf der Klobrille ansetze, gibt es ein schönes schmatzendes Geräusch und alle fremden Schamhaare, Tropfen, Flecken und Pfützen jeder Farbe und Konsistenz werden von meiner Muschi aufgesogen.«

Alle Erwartungen (oder Befürchtungen), die ich dank der unzähligen Interviews mit Charlotte Roche ja durchaus hatte, wurden übertroffen. Die Protagonistin mag ja recht haben, dass wir es manchmal mit der Hygiene übertreiben. Ich hielt mich für hartgesotten, schließlich hat man sich früher schonmal gegenseitig mit vollgewichsten Taschentüchern oder verschimmelten, vollgebluteten Unterhosen beworfen, aber das Buch erzeugt durch seinen Detailgrad teilweise extremen Ekel. Allerdings hat man sich ab Seite 70, 80 bereits daran gewöhnt.

Letztendlich ist FEUCHTGEBIETE weder besonders originell noch gut geschrieben und ich bin mir sicher, dass es, wäre es nicht von Charlotte Roche, sondern von einer unbekannten Person geschrieben worden, völlig untergegangen wäre. Es ist sicher interessant, es mal gelesen zu haben, aber Prädikate wie “literarisch wertvoll” oder “jetzt schon Kult” hat es auch nicht verdient.

Ich verschicke meine Version des Buches inklusive einer Widmung von mir auf seperatem Karton und ausgedruckten Blogposting an den ersten Interessenten, der sich hier meldet.

Medien

Randnotiz — Sven Erlenborn on March 5, 2008 at 21:36

Zeitungskolumnen statt eigener Meinung. Newsticker statt eigener Probleme. Weblogs statt eigener Gedanken. Podcasts statt eigener Stimme. Chats und Foren statt eigener Freunde. Videospiele statt eigener Ziele. Filme und Fernsehserien statt eigener Erfahrungen. Sitcoms statt eigener Anekdoten. Musik statt eigener Gefühle. Bilder statt eigener Erinnerungen. Werbung und Prospekte statt eigener Erwartungen. Bücher statt eines eigenen Lebens.

(GJ.net-Archiv Januar bis Mai 2007)

Amy & Pink & Weblog Awards 2008

Randnotiz — Sven Erlenborn on March 5, 2008 at 21:15

Zunächst mal möchte ich anmerken, dass Amy&Pink dafür verantwortlich ist, dass ich, damals bei ihrem Relaunch mit eigener URL, SeptemberRave von Sara für mich entdeckt habe.

Mit seinen offizielen Weblog Awards 2008 wird Marcel mich und mit Sicherheit viele andere wieder auf Blog-Talente aufmerksam machen. (Wie Don Dahlmann so schön festgestellt hat, kann man nie genug Blogs und lesenswerte Seiten in seinen Favoriten haben.) Die Rahmenbedingungen kann man hier nachlesen. Ich weiß nicht, ob Marcel aus allen Teilnehmern selber wählt oder ob es eine Jury geben wird, aber da er oft genug Geschmack beweist, spielt es auch keine große Rolle.

Da ich den Wettbewerb jetzt schon verlinkt habe, muss ich mich selbst nur noch für eine Kategorie nominieren und erklären, warum ich einen Award verdient habe. Und das ist denkbar grausam. Ich habe wirklich kein Problem mich selbst zu verherrlichen, weil ich der Meinung bin, dass es keinen Sinn macht mit übertriebenen Selbstzweifeln an alles heranzutreten beziehungswiese sich Menschen gegenüber bescheiden zu geben, obwohl man genau weiß, wie gut man eigentlich ist. Trotzdem schlage ich, wenn ich es dann tatsächlich mal jemandem ins Gesicht sage, einen ironischen Unterton ein. Mich also ernsthaft (im Wortsinn) selber für einen Award zu nominieren ist gar nicht mein Fall, also kurz, schmerz- und einfallslos:

Kategorie: Man of the Year Award
Begründung: Ich habe ein Blog. Mehr bleibt als Begründung wohl kaum übrig, denn einen Themenschwerpunkt hat dieses Blog eben nicht. Der einzige Zweck den es für meine Leser vielleicht erfüllen kann, ist, dass sie merken, dass sie mir ihren Depressionen, Verwirrungen und scheinbaren Abnormalitäten eben nicht allein sind und sich deshalb ein bisschen besser, weniger einsam oder bestätigt fühlen. Genau das schaffen viele Blogs für mich.
Mit ganz viel Glück schreibe ich lange genug, dass ich meinen Idealismus und meine Depression erklären kann und in gewisser Hinsicht ein kleines bisschen aufkläre.

(Hey, mein “Ich kotze gleich, weil ich mich selber für etwas nominiere”-Problem hat sich in ein “Ich kotze gleich, weil ich einen Striptease auf ein viel gelesenes Blog linke”-Problem gewandelt. Bisher wusste ich relativ genau wer hier liest und das gab beim Schreiben Sicherheit.)

(Eigentlich wollte ich noch, unauffällig im Fließtext eingeflochten, darauf aufmerksam machen, dass Amy&Pink die schönsten Bilder zu seinen Einträgen hat. Hat nicht funktioniert. Oder eigentlich doch, denn als ich Marcels Geschmack lobte, wäre das der optimale Moment gewesen. Tyler würde jetzt über meinen Schreibflusshumor lachen.)

Lebenskunst — Sven Erlenborn on March 4, 2008 at 00:52

Es ist windiger und kälter als gestern und am Horizont sind Wolken zu sehen, über mir leuchten trotzdem die Sterne über mir. Auch dunkler ist es, die Nachbarschaft scheint früh ins Bett, kein Fenster und keine Garage ist beleuchtet. Der Asphalt knirscht nicht, denn es hat den ganzen Tag über geregnet und gehagelt und ich trete auf unserer Auffahrt in eine Pfütze. Die Tiere verharren still in ihren verstecken, nur an einem Graben klingt es als würde eine Bisamratte oder ein anderer Nager etwas trinken. Es blitzt, weit, weit weg, es dauert mindestens eine Minute bis der Schall des Donners ankommt und dann blitzt es ein zweites Mal.

Bei meiner Rückkehr fängt es wieder an zu regnen.

Den Tag habe ich verschlafen, ein Luxus, den man sich im Urlaub gönnen kann. Viel besser als ein ausgeprägtes Wellness-Programm, wie die NEON schon ganz richtig feststellte - nicht, dass ich mir ein ausgeprägtes Wellness-Programm leisten könnte. Natürlich kann man es als falsch oder sogar tragisch bezeichnen, wenn man gleich den Montag, den ersten Tag der Woche völlig untätig verbringt. Es gibt Menschen, welche die Woche dann bereits als verloren betrachten. Es gibt sogar Menschen, welche ein ganzes Jahr als verloren betrachten, wenn der 1. Januar schlecht verläuft, gute Vorsätze nicht eingehalten werden. Ich rede von Menschen, die daran glauben, dass man mit dem falschen Bein aufstehen kann, die schlechtem Wetter ihre Migräne zuschreiben, dem Mond ihren schlechten Schlaf, der Jahreszeit ihre Depression. Man kann auf furchtbar banale Weise Ausreden für das eigene Scheitern und Verzweifeln finden.

Lebenskunst — Sven Erlenborn on March 3, 2008 at 00:51

Der Himmel ist sternenklar. Von Emma ist nicht mehr viel übrig, ein laues Lüftchen, das Müllsäcke rascheln und Fahnenmäste läuten lässt. Mein Schritte knirschen auf dem Asphalt. Keine Seele verirrt sich zu dieser Uhrzeit noch auf die Straßen, nur ein paar schlafende Enten werden durch meine Anwesenheit geweckt und flüchten in die Wieke. Der Baumarkt mit den davor präsentierten Holzhütten liegt im dunkeln. Irgendwo geben ein paar Vögel Geräusche von sich, ich tippe auf Möwen, obwohl ich weiß, dass wir von der Küste viel zu weit entfernt sind. Gehörte ich nicht zur Generation Doof, könnte ich sie bestimmt identifizieren. Eine Katze streunt durch die Nachbarschaft. Meine Lunge dankt mir und mein Kopf verfällt erleichtert der Müdigkeit.

Bei meiner Rückkehr erkenne ich wie der Laptop meine Fenster im ersten Stock beleuchtet.

Worte Anderer, Aufklärung — Sven Erlenborn on March 1, 2008 at 14:54

“Mittlerweile ist Devianz ein Synonym für kommerziell kalkuliertes Exzentrischsein.”
Kate Pierson, The B-52’s

Das klingt intelligent und wir glauben gerne intelligent klingende Sachen, denn dann fühlen wir uns auch intelligent. Nun ist es aber extrem schwer zwischen Devianz und Exzentrik überhaupt zu unterscheiden. Wenn man zum Beispiel “Über die Freiheit” von John Stuart Mill liest, kann man den Eindruck bekommen, dass Exzentrik oft eine Art progressiver Devianz ist. Sowohl Devianz als auch Exzentrik beschreiben die Abweichung einzelner Individuen von der gesellschaftlich akzeptierten Norm. Ergebnisse devianten Verhaltens früherer Exzentriker sind unübersehbar: Reformation, Aufklärung, Relativitätstheorie, die Bewegung der Planeten auf Kreisbahnen um die Sonne, die Entdeckung Amerikas. In der Kunst wird exzentrisch meist mit eigenwillig, radikal und bizarr beschrieben. Wenn man die aktuelle Entwicklung verfolgt, hat mittlerweile nahezu jeder Künstler exzentrische Eigenarten oder neigt zur Devianz.

Es bleibt also nur der Vorwurf der kommerziellen Kalkulation. Letztendlich hätte man es auch einfacher ausdrücken können:

Ich kann sowieso nichts machen, um […] Verkäufe anzukurbeln […]. Dazu müsste ich schocken, provozieren, irgendetwas Dummes tun.
Samuel Sorge aka Samy Deluxe, Dynamite Deluxe

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